DAVID LIESE. |
http://www.davidliese.de |
Die jüngere Psychologie tendiert dazu, ihre Wurzeln mehr und mehr zu verraten und aus einer geisteswissenschaftlichen mit Biegen und Brechen eine naturwissenschaftliche Disziplin zu machen. Schließlich muss dem operationalistischen Druck standgehalten werden, und das geht bekanntlich nur mit der berühmten naturwissenschaftlichen Genauigkeit (ach, wären wir nur alle Physiker).
Dass sie dabei Fehler begeht, deren Auswirkungen für ihre Existenz problematisch werden können, scheint sie nur allzu leicht zu übersehen. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Frage nach dem Dualismus von Geist und Körper. Die cartesianische Beweisführung, zugegebenermaßen hinterfragungswürdig, nach der Geist und Körper unmöglich identisch sein können, wird nicht hinterfragt, sondern mit dem bloßen Entgegenhalten der neurophysiologischen Position, Geist oder Bewusstsein sei nichts anderes als eine bestimmte physisch-chemische Reaktion in den Synapsen des Gehirns, abgewehrt. Der Wunsch nach Genauigkeit und Operationalisierbarkeit ist offenbar so groß, dass selbst die Gesetze der Logik ihr zum Opfer fallen.
Die Neurophysiologie hat keinen Beweis für die Identität von Geist und Körper, sie hat lediglich empirische Daten, die auf eine Wechselwirkung zwischen beiden hindeuten lassen. Natürlich ist dieser Befund eine magere Ausbeute - auch unter Laien würde der bloßen Intuition nach wohl niemand bezweifeln, dass es irgendeine Art von Interaktion zwischen Geist und Körper gibt. Vielleicht ist das der Grund, warum man in der Neurowissenschaft mehr will und versucht, spektakulärere Paradigmen zu errichten - nur leider ohne den Rückhalt selbst der eigens zum Ziel gesetzten wissenschaftlichen Genauigkeit gerecht zu werden.