DAVID LIESE. |
http://www.davidliese.de |
Alles dient der Maschine.
Das Denken ist Alltag. Das Denken – das System. Alles dient dem System.
Ein Leben wie eine S-Bahnfahrt. Endstation – Westfriedhof. Danach? Wolkenverhangene Transzendenz. Aber die Sinnfrage, die sich aufdrängt, betrifft das Diesseits. Was kommt davor?
Der Zwang zum Glücklichsein. Ich bin privilegiert, die Befriedigung meiner Grundbedürfnisse ist gesichert, und ich muss mein Seelenheil in der Selbstverwirklichung finden. Doch damit dieses System – diese Maschine – weiterlaufen kann, muss ich arbeiten. Mindestens für ein Drittel des Tages, zwei Drittel meines Lebens. „Arbeit macht glücklich“, das ist die Losung unserer Selbstverwirklichung, gebannt in den stählernen Torbogen der Maschinenhalle.
Irgendwo, mit Edding auf die Rückenlehne einer Plastiksitzschale oder über den versifften Rand eines beschlagenen Fensters gekritzelt, findet sich der lauter werdende Zweifel, dass da irgendetwas ganz gehörig falsch läuft; dass die Schienen, auf denen der Zug sicher, aber unfrei dahingleitet, schon lange gelegt sind; dass ich nicht aussteigen kann, wo ich will, sondern nur da, wo sich die Türen für mich öffnen. Die Verfallserscheinungen dieses Systems werden immer offensichtlicher, aber es ist ein Fehlschluss, deswegen zu glauben, dass das System selbst verfällt. Die Maschine dient nicht uns, wir dienen der Maschine, zu keinem höheren Ziel als ihrer bloßen Reproduktion. Technik als Selbstzweck; Instrument für nichts.
Diese Schrift ist kein Manifest, kein Pamphlet irgendeines sozialrevolutionären „-ismus“, der in seiner Ablehnung des Systems selbst zu System erstarrt. Sie wird nicht dogmatisch in ihrer Antidogmatik, ist konstruktiv in ihrer Destruktivität und unwissenschaftlich im allerbesten Sinne. Sie will nicht überzeugen, sondern einstimmen auf das dissonante Säuseln, dass über dem Alltag liegt wie ein leiser Schleier des Bescheidwissens. Sie formuliert die einzige Methode der Subversion, die unmöglich von der Maschine vereinnahmt, pervertiert und ihrerseits in einem weiteren dunklen Kapitel des historischen Schwarzbuchs der Gräueltaten verschwinden kann: die der schonungs- und perspektivlosen Kritik. Ein stream of consciousness der Zerstörung ohne Wiederaufbau, unlogisch, unsystematisch, unendlich.
Alles dient der Maschine. Es sei denn, es dient nicht.
Dieses Textfragment ist die Einleitung zu einer Abhandlung, welche ich im Mai diesen Jahres im Zusammenhang mit der akademischen Beschäftigung mit der französischen Streitschrift “Der kommende Aufstand” zu verfassen begonnen habe. Die Fertigstellung ist derzeit noch ungewiss.