DAVID LIESE. |
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Ein Kommentar zur Situation in Großbritannien.
Was sich derzeit in Großbritannien abspielt, macht fassungslos. Nacht für Nacht brennen ganze Wohnblocks, Randalierer liefern sich Straßenschlachten mit der scheinbar völlig überforderten Polizei. Geschäfte werden geplündert. Die Antwort der Regierungsverantwortlichen? Schneller und vor allem härter soll gegen die „kranken“ Aufständischen vorgegangen werden.
Die unvermeidliche und so wichtige Frage nach dem „Warum?“, die nicht nur von Oppositionellen klar mit der enormen sozialen Schieflage im Empire beantwortet wird, tritt dabei in den Hintergrund. Es handle sich bei den „Banden“ in London, Birmingham, Liverpool und unzähligen kleineren und größeren Städten um „jugendliche Krawallmacher“. Abertausende Halbstarke, die ihr Vertrauen in den Staat, die Angst vor dessen Machtapparat verloren haben und sich rücksichtslos nehmen, wonach es ihnen begehrt, völlig anarchisch, völlig nihilistisch? Selbst dieses sehr zweifelhafte Bild wirft kein gutes Licht auf die Insel. Wo eine Gesellschaft noch funktioniert, wo sie die ihr zugrunde liegenden Werte akzeptiert und ihr Handeln nach ihnen ausrichtet, da kann es vielleicht zu Einzeltaten kommen wie erst neulich dem verabscheuungswürdigen, aber sicherlich nicht politisch motivierten Massenmord in Norwegen; Massenmilitanz von der Sorte, wie sie Großbritannien derzeit erlebt, ist jedoch nur da möglich, wo ein großer Teil der Menschen bereits „ausgestiegen“ ist.
Fakt ist, dass die britische Politik seit Thatcher unablässlich gekürzt, gespart und dereguliert hat, dass die Gesellschaft atomisiert und es überhaupt erst möglich gemacht wurde, dass sich eine Schicht von Menschen bildete, die ihr Leben im Abseits verbringen, ohne gesichertes Einkommen, teilweise ohne Wohnung, ohne Bildung und ohne jegliche Perspektive, das eigene Leben in den bestehenden Verhältnissen sinnvoll zu verbringen. Ein Vorfall wie die scheinbar willkürliche Erschießung eines Londoner Angehörigen dieser Schicht durch die Polizei wird schnell zum Auslöser einer breiten Protestwelle, die ihrerseits ein wahres Meer an Brandherden zu „triggern“ vermag. Die Menschen, die Nacht für Nacht all das „kaputt machen, was sie kaputt macht“, insbesondere die Werte und Normen einer Gesellschaft, die sie jahrzehntelang nicht beachtet oder sich auf ihre Kosten materiell und ideell bereichert hat, sind keine „Kranken“, sondern Mitglieder einer Bewegung, die sich neu solidarisiert und ihre Wut in einer Art nihilistischer Rebellion in die Straßen der Städte trägt.
Bei der Lösung der Problematik auf die Politik zu hoffen, ist vergeblich; der Kurs, die Krawalle als unpolitisch, grundlos und illegitim zu bezeichnen und mit einer vehementen Steigerung des Gewaltniveaus zu reagieren, ist keine Eigentümlichkeit einer bestimmten (konservativen) Regierung, sondern in der Tat die einzig zu prognostizierende Handlungsalternative einer Staatsverwaltung, die ihr Machtmonopol behalten und bestätigen will. Es ist zu erwarten, dass die staatliche Repression in Großbritannien in den kommenden Monaten zunehmen wird, insbesondere im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012 in London, um einen erneuten Ausbruch der Gewalt zu verhindern. Die Aggression wird dadurch freilich nur vermehrt und womöglich auch in andere, privilegiertere Gesellschaftsschichten getragen. Je früher die dringende Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung des menschlichen Miteinanders breiter Konsens unter den Menschen wird, desto mehr Ausbrüche von Gewalt und Rücksichtslosigkeit können langfristig verhindert werden. Im Moment folgen die von Plünderung und Brandschatzen betroffenen oder bedrohten britischen Bürger noch weitestgehend der Darstellung der Regierung, weil das bequemer ist, als der Tatsache der breiten Fehlentwicklungen und vielleicht auch dem Eigenverschulden der Situation ins Auge zu blicken. Dort aber, wo ein Staat zunehmend gewaltsamer und rücksichtsloser mit der Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung umzugehen beginnt, verliert er schnell seinen Rückhalt; das zeigen auch und gerade die aktuellen Beispiele in Nordafrika. Natürlich ist das britische Empire nicht mit der Situation in Libyen oder Ägypten vergleichbar; aber der Keim zur Unruhe ist gesät, trägt bereits erste Sprossen. Erde darauf zu schaufeln, um ihn zu ersticken, wird den Boden auf lange Sicht nur noch fruchtbarer machen.