DAVID LIESE. |
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Großbritannien in den 1980ern: Die Thatcher-Ära in ihrer Hochzeit. Der Neoliberalismus blüht auf, und in nicht wenigen Gegenden Englands zieht die soziale Kälte eisig durch die Backsteingassen. In diesem Umfeld findet der zwölfjährige Shaun - ein echter “troubled boy”, ein Außenseiter, der Vater im Falklandkrieg gefallen, die Mutter besorgt, aber scheinbar überfordert - Anschluss bei einer Gruppe von Skinheads, die ihn in ihren Reihen willkommen heißt. Zusammen wird in baufälligen Hütten randaliert, getrunken und geraucht, und Shaun, der sich schnell auch äußerlich anpasst, genießt die neue Aufmerksamkeit und den engen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Doch als Combo, ein ehemaliges Gangmitglied, aus dem Knast freikommt, verändert sich die Atmosphäre schnell: Von der Gruppe spaltet sich eine Reihe extrem radikaler “Nationalisten” ab, die unter Combos Anführung in den britischen Straßen einen “Kampf” gegen Ausländer und “Schmarotzer” führen will. Shaun, der glaubt, sein Vater sei nur dann stolz auf ihn, wenn er sich den Rechten anschließt, geht mit Combo, und schnell werden die ersten Opfer zusammengeschlagen…
Was Shane Meadows in “This is England” macht, ist kongenial; auf frische, erstaunlich wenig melodramatische Weise bildet er nicht nur die Situation Englands während der Amtszeit Maggie Thatchers ab, sondern zeigt vor allem auf, wie sich faschistische Gruppierungen rekrutieren, welche Attraktivität sie auf (eigentlich völlig unpolitische) Köpfe wie den des kleinen Shaun ausüben können und welche Gefahr von ihnen ausgeht. Es geht nicht um Troublemaking, ums Aussteigen und Mittelfingerschwingen, wie es die Punkbewegung zur selben Zeit vor- und ausgelebt hat, sondern um ein aktives Vorgehen gegen alles, was scheinbar wider das Interesse des eigenen Vaterlands geht.
Dabei vermeidet es Meadows nicht, seinen Film zu einem notwendigen politischen Statement zu stilisieren: Starke Bilder, wie das des Versenkens der englischen Flagge am Ende des Films, sprechen eine eindeutige Sprache. Die Message kommt dennoch nicht - wie bei Nazi-Dramen üblich - mit dem Holzhammer daher; sie stellt sich vielmehr im Kopf des Zuschauers ein. Nazis sind “auch nur Menschen”, und zwar in den meisten Fällen solche, die enttäuscht sind von der Gesellschaft und sich auf der Suche nach Sündenböcken immer tiefer in menschenverachtende Ideologien verrennen. Dass dabei selbst die scheinbar starke kameradschaftliche Struktur, die quasi zur neuen Familie für ihre Mitglieder wird, letztlich nur lose und fragil ist, zeigt Meadows in “This is England” ebenfalls eindrucksvoll.
Neoliberale Politik mit ihrer starken und zwingenden Komponente der sozialen Verarmung drängt große Teile der Unterprivilegierten in Apolitik und im schlimmsten Falle in faschistische Gedankengebäude. Gerade in dieser Zeit, in der man in Deutschland gerade wieder entdeckt, dass Nazis böse sind, eine nicht oft genug zu wiederholende Botschaft.
Volle Punktzahl für “This is England”!
Bildquelle: imdb.com
Gestern hab ich’s mir mal wieder gegeben. Seit dem durchaus sehenswerten “Cloverfield” ist “Paranormal Activity 3” der erste Mockumentary, den ich mir ansehen wollte, und insgesamt sogar der allererste, der mich ins Kino gelockt hat.
Von Minute eins an bekommt man das, was man erwartet; pseudo-realistische Hand- und vor allem Überwachungskameraaufnahmen, die die mysteriösen Vorkommnisse in einem Familienhaus Ende der achtziger Jahre dokumentieren. Da ist ein Mädchen, das mit dem Geist wie mit einem unsichtbaren Freund spricht, ihre Schwester, ihre Mutter und der Stiefvater, der dem Unerklärlichen unbedingt auf die Schliche kommen will.
Stark machen den Film vor allem die statischen, dem Zuschauer irgendwann unbehaglich vertrauten Bilder der im Haus aufgestellten Kameras. Man ist auf jedes Detail fixiert, das sich verändern und Hinweis auf übernatürliches Geschehen sein könnte. So passiert dann auch über neunzig Prozent des Films so gar nichts paranormales, was die wenigen, gegen Ende immer expliziter werdenden Angriffe des Hausgeists umso effektiver macht. Nicht selten wird dabei auch mit dem für dieses Genre typischen “falschen Alarm” gespielt - die Fratze, die aus dem Schrank springt, gehört der Mutter, die ihren Freund verulken will, und die Gestalt, die wie aus dem nichts auftaucht, ist nur die Tochter, die sich aus Spaß angeschlichen hat.
Schwach sind dagegen nicht nur die - wie erwartet - dünne Handlung, sondern auch die stellenweise absolut dämlichen Verhaltensweisen der Protagonisten. Zudem ist es für den Zuschauer eigentlich jederzeit ersichtlich, wann der Geist zuschlagen wird, und nicht mal die Plotwendung in der letzten Viertelstunde des Films kommt wirklich überraschend. Zudem rutscht der Film einige Male in (unfreiwillige) Komik ab, die die Spannung an vielen Stellen allzu harsch kaputtschneidet.
Alles in Allem ist “Paranormal Activity 3” wie eine Geisterbahnfahrt, eine Kinokarte für anderthalb Stunden Erschrecken, eine echte Suspense-Säge mit einigen stumpfen Zähnen, einhundertprozent Effekt, null Prozent Inhalt. Die scheinrealistischen Aufnahmen sind und bleiben ein Patentrezept, um erschreckend billig Erschrecken zu produzieren - ein bisschen mehr Innovation darf man aber dann doch erwarten.
Drei Davids von fünf, oder so…